Eine Reise nach Kythera (Kythira)

 

 

Eine Reise nach Kythera (Kythira)

 

 

Seit diesem Jahr wird der Hafen von Triest nicht mehr von griechischen Schiffen angelaufen. Bis 2004 jedoch fuhr von da die ANEK-Linie, und das war für uns von München aus sehr angenehm. Es war aber nicht ganz leicht, den Hafen zu finden, zumal, wenn man das erste und einzige, viel zu kleine und erst direkt an der Abzweigung angebrachte Hinweisschild überfahren hatte.
F/B El. Venizelos der ANEK Lines
Als wir ihn dennoch schließlich fanden, erfuhren wir, dass unser Schiff vier Stunden Verspätung haben würde und wir wieder hinauf fahren sollten, um oben auf einem (sonnigen, heißen) Parkplatz die Stunden zu verbringen. Ich blieb unten, um einzuchecken, während mein Mann den Parkplatz ansteuerte. Als ich dann hinaufkam, suchte ich ihn und unser Auto jedoch vergebens. Eine griechische Großfamilie, mit der wir uns auf einem Parkplatz an der Autobahn angefreundet hatten, halfen mir suchen, trösteten mich und vertrieben mir die Zeit mit Geplauder. Schließlich schauten wir mal hinunter übers Geländer, und siehe da, in dem Augenblick kurvte unser Auto unten herum und parkte im Schatten der dort wartenden Lastwagen. Was war gewesen? Mein Mann hatte sich, als korrekter Deutscher, nicht getraut, ein paar Meter in falscher Richtung in eine Einbahnstraße zu fahren, was aber die einzige Möglichkeit war, um auf den angewiesenen Parkplatz zu gelangen; und dann hatte es ihn abgetrieben auf eine Art Stadtautobahn. Eine Stunde lang irrte er wieder durch Triest, bis er zum Hafen zurückfand.
Eigentlich sollten wir mit der “Kriti” fahren, aber die war anderweitig gewinnbringend vermietet worden, und wir bekamen die uralte “Venizelos”, die, wie man hörte, einen Turbinenschaden hatte und noch gar nicht da war. Man kam mit anderen Wartenden ins Gespräch, und – so hat alles sein Gutes – ich konnte bei denen Reklame machen für mein Buch. Im Schiff wurden wir in den Keller beordert, der aus vielen getrennten Räumen besteht, die durch sehr enge Metalltüren voneinander getrennt sind, durch die man in kurvigem Slalom fahren musste. Als mein Mann gerade nach rechts schaute, ob er da hindurch käme,

machte es ratsch, und der linke Außenspiegel war ab und die Türe eingedellt und angeschrammt. Die Reise fängt ja gut an, dachten wir uns. Aber sie ging zum Glück nicht so weiter, und den Außenspiegel bekamen wir in Griechenland (trotz Original-Ersatzteil) für weniger als die Hälfte dessen, was man in Deutschland zahlt, wieder installiert. Das Schiff landete anstatt um sieben Uhr früh um zwölf Uhr mittags in Patras.

Wir waren die Straße Richtung Kalamata schon viele Jahre nicht mehr gefahren und waren es von früher gewohnt, dass die Hauptstraße selbstverständlich zur nächsten Stadt, nach Pylos, führte. Doch plötzlich fanden wir uns in Olympia wieder, und es war sehr schwierig, da wieder heraus zu kommen, weil alles voller Touristenbusse stand, die auch weder vor noch zurück konnten. Früher war diese Straße eine kleine Abzweigung gewesen; jetzt war die Straße nach Pylos eine Abzweigung, schmal und wenig befahren und mit ziemlich kleinem Wegweiser, der einem nicht von selbst ins Auge fällt.

Obwohl wir uns eigentlich am frühen (deutschen) Nachmittag bei Freunden südlich von Kalamata angesagt hatten, gönnten wir uns im ersten Dorf, durch das wir kamen, einen griechischen Kafedaki. Dieses Ritual gehört für uns einfach zu jedem Tag in Griechenland, komme, was da wolle. Es war der 30. April, wo es noch ziemlich früh dunkel wird, zumal die Tage im Sommerhalbjahr im Süden kürzer sind als in nördlichen Breiten. Und das Haus war schwer zu finden, weil sich Deutsche meist lieber in der Einsamkeit ansiedeln als beim Dorf. Dennoch schafften wir’s vor Einbruch der Dunkelheit.Zwei Tage später in Richtung Sparta über den herrlichen Taygetos-Pass. Aufwärts entlang einer Schlucht; überall üppiges Grün; je höher, desto mehr Bäume, kräftige Schwarzkiefern, jede ein charaktervolles Individuum. Auf der Passhöhe eine Gastwirtschaft, wo man auch einen Kafedaki bekommt. Am Straßenrand ein Bauer, der seine “freilaufenden Eier” sowie Berghonig und selbst gesammelten Bergtee verkauft. Daneben eine üppig fließende, steingefasste Quelle, deren kühles Wasser direkt vom Berg herunter kommt.
Wendula Michl im Gebirge
 

Wir füllten unsere beiden 5-Liter-Glas-flaschen, die wir immer dabei haben, und viele kleinere für unterwegs. Ich genieße das Schöpfen an solchen Quellen, die man fast überall im Lande finden kann. Es gibt mir das Gefühl einer unmittelbaren Verbindung mit der Natur, mit etwas Lebendigem, und ich bin voll des Dankes für die freie Gabe eines so köstlichen Wassers, wie man es weder aus einer kommerziell abgefüllten Flasche noch aus dem Hahn je bekommen kann. Das Wassertrinken haben wir in Griechenland gelernt, allerdings vor langer Zeit, als man beim ersten Beschnuppern noch gefragt wurde, ob es da, wo man herkommt, gutes Wasser gebe. Heutzutage trinken die Griechen lieber Bier, Limonade und Cola und haben den bekannten Ausspruch ihres berühmten antiken Vorfahren Pindar vergessen: “Hydor men ariston” (das Wasser ist das Beste).Unser nächstes Reiseziel ist der Besuch bei unserem Freund Nikos, dem Schuster, auf der Insel Kythera. Zweimal wöchentlich fährt dorthin auch von Kalamata ein Schiff, aber es fährt am (griechischen) Nachmittag ab und kommt nach Mitternacht an. Da findet man schwerlich eine Unterkunft. Außerdem ist es jammerschade, diese teure, dafür aber wunderschöne Route um die Mani herum bei Dunkelheit zu fahren. Von Gytheon, auf der anderen Seite des Taygetos-Gebirges, gibt es in dieser Jahreszeit nur Überfahrten an drei aufeinander folgenden Tagen, so dass wir vier Tage hätten warten müssen – was natürlich in dieser schönen Gegend um Sparta keine Strafe ist. Aber wir wollten weiter, und so fuhren wir nach Neapolis, der südlichsten Stadt auf dem östlichen Finger der Peloponnes, von wo im Sommerhalbjahr jeden Tag früh um acht eine Fähre in knapp einer Stunde hinüber fährt – d.h., falls der Wind nicht zu stark ist. Von den Cerigoten (italienisch mit tsch gesprochen, da Kythera während der langen venezianischen Besatzung Cerigo hieß) wird dieses alte Schiff “Titaniko” genannt. Wir hatten bisher immer Glück; auch wenn die Tage zuvor und danach nichts ging, war ausgerechnet an unserem Reisetag immer ruhige See. Auf dem Schiff – welch ein Zufall – trafen wir eine Hamburger Reisegruppe, und ich sprach den Leiter wegen meines Buches an. Es stellte sich heraus, dass er ein ehemaliger Schüler meines Mannes an der Deutschen Schule Athen war. Er erinnerte sich noch gut an die Sonatenform, die er bei ihm gelernt hatte.Als wir vor einigen Jahren zum ersten Mal diese Insel anfuhren und vom Schiff aus nichts als braune Maquia und steil ins Meer abstürzende Felswände sahen, grauste es uns vor der trostlosen Öde, die wir (freiwillig) ansteuerten. Doch wenn man erst einmal auf die Hochebene heraufkommt, ändert sich bald der Eindruck. Die Insel kommt mir vor wie ein auf dem Wasser schwimmendes Kastenbrot, das vom Backen einige Aufwölbungen und Aufrisse hat. Es fällt einem auf, dass es so gut wie keine Landwirtschaft gibt. Das Einzige, was wir gesehen haben, war ein kleiner Olivenhain. Dafür sieht man umso mehr Flächen, die nur mit großen Hartlaubsträuchern bewachsen sind. Die Westküste an der sich im Winter der Regen niederschlägt, hat allerdings richtige Bäume aufzuweisen, meist Eukalyptus und Pevken (Aleppokiefern). Doch es ist ein karges Land, und so sind in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, nachdem die Insel an das seit 30 Jahren befreite griechische Kernland angeschlossen war und die Menschen sich frei bewegen konnten, viele ausgewandert, um anderswo besser leben zu können.

Chora
Eine große Auswanderungswelle folgte dann noch einmal im griechischen Bürgerkrieg Ende der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts. So hat die Insel, auf der einmal bis zu 30 000 Menschen wohnten, jetzt nur noch etwa 3000 Einwohner (bei einer Fläche von etwas weniger als 3000 qkm). Die Leute haben großenteils ihre Gärten und Tiere zur Selbstversorgung und verkaufen das, was über den eigenen Bedarf hinausgeht, auf dem Sonntagsmarkt in Potamos – d.h., die Frauen verkaufen, denn die Männer haben Besseres zu tun: Sie sitzen auf derselben Platia, jedoch im Schatten der Platanen in den Kafenia und haben viel Wichtiges zu bereden an diesem Tag, wo sich die Männer der Insel treffen.
Außer diesem großen, mehr von Einheimischen geprägten Ort im Norden gibt es noch einen im Süden, die Chora, wo man relativ viele Touristen sieht; “relativ” deshalb, weil es auf Kythera insgesamt nicht viele gibt. Denn zu den meisten Stränden gelangt man nur an der Flanke einer Schlucht auf 3 m engen, unasphaltierten Serpentinenestraßen, wo man vor jeder Fahrt ein Stoßgebet an seinen Schutzengel richten muss, dass er einen vor Gegenverkehr bewahren möge. Vor allem findet man kaum je ein windstilles Plätzchen, denn die Insel ist rundherum allen Winden ausgesetzt, da hier das ionische, das ägäische und das kretische Meer aneinander stoßen.
Doch unterhalb der Chora liegt ein leicht zugänglicher, nur nach Süden hin offener Strand mit einigen kleinen Fremdenpensionen und einem kleinen Hafen.Wenn die großen Schiffe wegen Sturm nicht an einem der beiden Häfen an der Ostküste landen können, weichen sie in dieses geschützte Südbecken aus. Da muss dann allerdings mit Kaikia ausgebootet werden, so dass die Autos nicht an Land können.
Doch ohne Auto ist man auf dieser Insel zur Bewegungslosigkeit verdammt, da es keinerlei öffentliche Verkehrsmittel gibt (außer Taxis und dem Schulbus). In Agia Pelagia, dem nordöstlichen Hafen, wo die “Titaniko” landet, gibt es einige Hotels und einen langen Strand. Die meisten Besucher sind aber ausgewanderte Cerigoten aus Australien, die auf der Insel eine Villa haben, wo sie die Sommermonate verbringen. Durch diese einzelstehenden Häuser ist die Landschaft ziemlich stark zersiedelt worden. Bloß auf Grundstücken, wo die endemische gelbe Strohblume wächst, darf nicht gebaut werden. In alten Dörfern sieht man noch die kompakte Bauweise mit den ineinander verschachtelten Häusern. Doch eines ist geblieben: die sehr strenge Vorschrift für den cerigotischen Baustil, wonach die kubische Form gewahrt bleiben muss, was z.B. heißt, dass freischwebende Balkone verboten sind. Man kann nur das obere Stockwerk etwas zurücksetzen, um so ein Terrasse zu erhalten.
Obwohl Kythera auch einige wenige Jahre von den Türken beherrscht war, ist sie viel nachhaltiger geprägt worden von der Besatzung durch die Venezianer, die ein sehr hartes Regime führten und zwei Kastros hinterlassen haben.Kurze Zeit waren auch die Engländer da. Sie taten einiges für die Infrastruktur. Aus dieser Zeit stammt die große Brücke, auf die die Cerigoten sehr stolz sind.
Merkwürdigerweise gehört die Insel verwaltungsmäßig zu dem entfernten Piräus, und jeder, der in Griechenland außerhalb der Insel studiert (jegliche Ausbildung heißt “studieren”) oder ein Geschäft gründet, geht dazu nach Piräus. So gibt es viele verwandtschaftliche Beziehungen hinüber und herüber, und das ist wohl auch der Grund, warum jeden Tag ein Schiff von Piräus nach Kreta und umgekehrt hier anlegt. Bei starkem Sturm – Windstärke 9 bis 12 ist im Winter keine Seltenheit, oft viele Tage hintereinander – ist die Insel völlig von der Außenwelt abgeschnitten, denn auch der Flugverkehr muss dann eingestellt werden. Wenigstens punkto Elektrizität könnten sie sich, so meint man, unabhängig machen mit ihrem vielen Wind. Aber das lässt die Bürokratie wohl nicht zu. Vor etlichen Jahren hat einmal ein Schiffsanker die Leitung am Meeresboden zerstört, so dass es eine Woche lang keinen Strom gab. Dafür gab es neun Monate später viele Geburten.Auffallend auf Kythera sind die vielen kleinen Kirchlein in unglaublich vielen verschiedenen Formen, wie wir sie sonst noch nirgends gesehen hatten. Eine davon ist besonders bemerkenswert: sie ist eine der vielen, die dem Hl. Dimitrios geweiht sind, und liegt im Südwesten zwischen Livadi und dem hohen Berg, auf dem, wie überall in Griechenland, das Militär haust.
Dort oben, in dem ehemaligen Kloster, muss man auch den alten Mann abholen, der den Schlüssel hat (und ihn natürlich wieder hinauf bringen). Die kleine, sehr alte Kirche hat fünf ineinander verschachtelte Schiffe, einige ostwestlich ausgerichtet, die anderen nordsüdlich. Vor allem aber birgt sie ganz herrliche byzantinische Fresken, die aller Mühen wert sind.
In dem Dorf Karvounades, das, obwohl zentral gelegen, nicht nur keinerlei Tourismus und keine Taverne hat, sondern nicht einmal ein Kafenion, überraschten wir Nikos in seiner Werkstatt. Wir hatten uns drei Jahre nicht gesehen, und die Freude war groß. Er vermittelte uns ein sehr preiswertes Zimmer, das sogar eine Heizung hatte, was am Abend und am Morgen sehr willkommen war, denn auf diesen fast sommerlichen Ankunftstag folgten solche mit kalten Winden, wo wir alles, was wir an warmen Klamotten hatten, übereinander zogen.Da wir zum vierten Mal auf dieser Insel sind, kennen wir schon alles Sehenswerte und suchen nur noch die Orte auf, die uns besonders lieb sind. Einer dieser Orte ist das Grundstück von Nikos mit ein paar Obstbäumen, einem kleinen Weingarten und einem sehr kleinen, sehr schlichten Häuschen. Es ist eine Insel der Ruhe und des Friedens und, wegen Nikos, der Zufriedenheit und Heiterkeit. Ich habe in meinem Büchlein etwas über ihn geschrieben und will das jetzt nicht wiederholen; nur soviel: um ihn zu sehen, um mit ihm zusammen zu sein, ist uns diese Fahrt auf die entlegene Insel nicht zu weit. Nur einmal waren wir kurzfristig etwas böse auf ihn. Ein anderer Freund, Georgos, auch ein ganz lieber Mensch, wollte uns und ihn mit seiner Frau in ein Restaurant zum Abendessen einladen. Ich hatte ihn aber überzeugen können, dass uns ein spätes, üppiges Mahl gar nicht gut bekommt, und so fand er sich bereit, am Nachmittag um halb sieben in eine Konditorei auf ein Eis zu gehen. Wir waren bis sechs bei Nikos, und er sagte, wir sollten schon mal voraus fahren; sie kämen dann gleich nach. Wir waren pünktlich dort, weil um acht das Geschäft zumacht.
Vor dem Haus in der Sonne war der Wind erträglich. Doch nach sieben Uhr verschwand die Sonne hinter den Häusern, und wir froren. Wir fanden es sinnlos, hinein zu gehen und unser Eis alleine zu essen, denn es ging doch vor allem um das Zusammensein. Also harrten wir aus. Gegen acht wollten wir ziemlich vergrämt heimfahren, denn so was von “bestellt und nicht abgeholt” hatten wir selbst in Griechenland noch nicht erlebt. Da kamen sie; superfein rausgeputzt, im kleinen Schwarzen und dunklen Anzügen, so dass wir überhaupt nicht mithalten konnten in unserem Touristenlook und uns ziemlich blamiert vorkamen. Sie hatten ihr Ziel erreicht, nämlich ins Restaurant zu gehen. Doch unsere Versicherung, nur ganz wenig essen zu wollen, hielten sie für Bescheidenheit und ließen eine Platte nach der anderen auftragen.
Obwohl wir von allem bloß ganz wenig aßen, war es schließlich so viel, dass wir die ganze Nacht Bauchweh hatten und kaum schliefen. Und das alles, obwohl Georgos, der einen winzigen Gemischtwarenladen betreibt, sein Geld wirklich mit kleiner Münze verdient. (FUSSNOTE: Wenn Sie erfahren wollen, was für ernstere Gesundheitsschäden die unabweisliche griechische Gastfreundschaft anrichten kann, dann lesen Sie das überhaupt sehr lesenswerte Büchlein “Wind auf Kreta” von David MacNeil Doren, erschienen in einem kretischen Verlag, zu beziehen übers Internet.)Wir erkunden zuweilen gerne neue Wege abseits der Hauptstraßen. Da gibt es aber keinerlei Wegweiser, weil dort nur ortskundige Anwohner fahren. Oft kann man fragen, aber nicht immer ist jemand da. So gerieten wir in einem kleinen Dorf in eine enge, unübersichtliche Sackgasse und fuhren, um zu wenden, rückwärts in ein verwildertes Grundstück hinein. Leichtsinnigerweise hatten wir den Untergrund vorher nicht untersucht; er bestand nämlich aus einer von hohem Unkraut überwucherten Treppe, auf der wir nun festsaßen. Ich ging zu Fuß in das nächste größere Dorf, von dem ich wusste, dass es dort einen Automechaniker gibt. Der sich nach einer halben Stunde frei nehmen konnte und mit mir zu dem Ort fuhr, wo wir gefangen waren. Inzwischen hatten sich einige alte Dorfbewohner (junge gibt es dort nicht mehr) um meinen Mann geschart (der seit einiger Zeit gehbehindert ist und deshalb beim Auto bleiben musste); für sie war es eine höchst willkommene Abwechslung in ihrem eintönigen Alltag. Es stellten sich auch gleich Verwandtschaftsverhältnisse mit unseren Freunden heraus. So ist das immer auf kleinen Inseln: Jeder ist mit jedem irgendwie verwandt, und wenn man einige Einheimische kennt, dann ist man bald mittendrin im Clan. Wir kamen also an, der Mechaniker und ich, und er untersuchte den weiteren Verlauf des zugewachsenen, abschüssigen Grundstücks. Die Treppe ging weit hinunter, aber daneben war eine stabile Trasse. Er fuhr das Auto die ganze Treppe rückwärts hinunter und konnte dann daneben hochziehen. wir waren wieder flott. Dass er überhaupt für diese Aktion eine halbe Stunde Zeit geopfert hatte, war (aus deutscher Sicht) erstaunlich genug. Aber noch erstaunlicher war, dass er dafür kein Geld haben wollte und wir ihm nur mit Müh? und Not fünf Euro aufnötigen konnten, was natürlich dem Aufwand in keiner Weise angemessen war. Er plauschte noch ein wenig mit den alten Leuten, die er wohl länger nicht gesehen hatte, bevor er mit dem in Griechenland häufigen Wunsch na pate sto kalo (geht ins Gute) in seine Werkstatt zurückfuhr, wo ihm die Arbeit auf den Nägeln brannte. – Griechen sind also von Natur aus keine Abzocker! Das sind nur moderne Auswüchse in touristischen Gegenden. Ihre Haupteigenschaft ist die Hilfsbereitschaft!Das Zimmer, in dem wir wohnten, war wohl eine ehemalige Küche, denn es hatte über einer großen Vertiefung in der Wand einen gemauerten, nach oben spitz zulaufenden Rauchabzug. Auf die mit Wachstuch belegte Fläche darunter stellte ich meine Küchensachen, denn wir kochten meistens selbst. Die griechischen Zimmer haben ja normalerweise eine Kochstelle. Nachdem in einer Nacht der Sturm ganz fürchterlich im Kamin geheult hatte, war am nächsten Morgen alles darunter mit einer klebrigen schwarzen Rußschicht bedeckt. An einem anderen Tag entdeckte ich morgens, dass unter der Spüle Wasser tropfte. Der Vermieter war nicht da, und so stellte ich bloß einen Eimer unter, und wir gingen für zwei Stunden fort. Als wir zurückkamen, schwamm das ganze Zimmer mit allen Koffern und Schuhen, die am Boden standen, denn das Zuleitungsrohr war inzwischen völlig gebrochen. Mit Müh und Not konnte ich die alte Mutter überreden, den Wasserhaupthahn abzustellen, was ihr gar nicht passte, weil sie so auch selbst kein Wasser hatte. Eine Dreiviertelstunde brauchte ich, bis ich alles aufgewischt hatte, und da drehte die alte Frau den Haupthahn wieder auf! Ich schrie Zeter und Mordio, bis sie ihn wieder zumachte, aber ich fing von vorne an mit dem Wischen. Endlich kam der Sohn und holte einen Installateur. Dem Petros war es sehr peinlich, und er wollte uns am Ende etwas Geld erlassen. Aber er war ja nicht schuld an der Sache (das Zimmer war erst drei Jahre alt), und wir wohnten sowieso sehr billig Er schenkte uns dann eine 1 1/2 l Flasche von seinem eigenen Wein, und eine ebenso große mit Olivenöl. Davon haben wir noch lange gezehrt. Auch von Nikos hatten wir so eine Flasche mit dem Wein aus seinem Garten bekommen, und von Georgos eine große Tüte mit dem ölgetränkten Zwieback, einer Spezialität der Insel. Nach einer Woche hieß es Abschied nehmen. Auf dem Weg zum Hafen schauten wir noch kurz bei Nikos vorbei. Er schnitt, trotz unseres Protests, für jeden von uns eine Rosenknospe ab und sagte: “Was kann ich euch noch geben. Meine Liebe, die kennt ihr ja.” Ich packte die Rosen mit den Stielen in nasses Haushaltspapier ein, mit Alufolie drum herum.
Auf dem Schiff, das diesmal ein großes war, das von Kreta nach Piräus fuhr, bat ich um ein Glas, in welchem, die Stiele im Wasser, die Knospen sich während der Nacht erholen konnten, und am Morgen kamen sie wieder in nasses Papier. So haben wir sie bis in den Norden Athens gerettet, wo unsere nächste Besuchsstation war. Dort haben sich die Knospen geöffnet, und die Rosen blühten wunderschön eine ganze Woche lang.

 


Wendula Michl hat diesen Beitrag speziell für unsere Zeitung geschrieben. Dafür unser ganz besonderer Dank.
Wir hatten in der Ausgabe I/2004 ihr Buch “Wanderer kommst Du nach Hellas” vorgestellt. Diese Buchbesprechung kann hiernachgelesen werden.Wir würden uns freuen, wenn das liebevolle Buch noch viele Leser finden würde.Christian Schwarzenholz
Wendula Michl

 

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