Reisen nach Nordost-Griechenland

 

Reisen nach Nordost-Griechenland

 

Nur wenige Griechenland-Reisende kennen den Nordosten des Landes, liegt er doch abseits von den üblichen Reiserouten und fehlen weitgehend bedeutende antike Rui-nenstätten – sieht man von Philippi und Samothraki ab – ,attraktive Strände und die typische mediterrane Vegetation, also die Dinge, die für Griechenland so „typisch“ erscheinen.

Die Attraktionen des Gebietes liegen v.a. in seiner in größeren Teilen recht intakten Naturlandschaft und einer Kulturlandschaft, die noch Züge des Osmanischen Reiches trägt.

Die Überschneidung dreier klimatischer und biogeographischer Großregionen, der atlantisch- mitteleuropäi-schen, der asiatisch-kontinentalen und der mediterranen, so-wie morphologische Vielfalt auf engem Raum bedingen einen ungewöhnlichen Reichtum an Tier und Pflanzenarten, von denen viele in Europa selten geworden oder sogar vom Aussterben bedroht sind. Abseitslage, schlechte Verkehrserschließung und wirtschaftliche Unterentwicklung führten dazu, dass sie sich hier noch erhalten konnten. Siedlung, Wegebau, Ansiedlung von Gewerbe außerhalb der ausgewiesenen Industrieparks, Intensivierung der Landwirtschaft, Ausweitung der Anbauflächen in Feuchtgebiete, Jagd und anderes gefährden allerdings auch hier den natürlichen Reichtum.
Rückgrat Nordost-Griechenlands (es entspricht der griechischen Region Ostmakedo-nien- Thrakien) bilden die bis etwa 2000 m hohen Rhodopen, deren Hauptkamm die bulgarisch- griechische Grenze folgt. Ihnen vorgelagert sind das mächtige Kalkmassiv des über 2200 m. hohen Falakron und das durch das Becken von Drama von ihm ge-trennten Pangäon. Früher Weidegebiete der Sarakatsanen, ist die Weidenutzung in dem makedonischen Teil der Rhodopen heute weitgehend aufgegeben und die früher offenen Teile werden wieder bewaldet.

In größerer Höhe trifft man hier auf Fichten und Birken, Bär, und Auerhuhn, Vorpo-sten borealer Pflanzen- und Tierwelt. Unwegsamkeit ließ im zentralen Teil Urwald bestehen, der einzige Urwald im südlichen Europa. Balkankriege, der Bevölkerungs-austausch im Gefolge der „kleinasiatischen Katastrophe“ und in den letzten Jahr-zehnten die Attraktion der Küstenstädte führten dazu, dass die makedonischen Teile der Rhodopen heute weitgehend verlassen sind. Viele Dorfwüstungen mit z.T. beein-druckenden Ruinenfeldern, alte Bogenbrücken, Ackerterrassen und verwilderte Obst-bäume zeugen von der einstigen dichten Besiedlung. Während der makedonische Teil der Rhodopen weitgehend verlassen ist, ist der thrakische Teil Siedlungsgebiet der Pomaken, einer bulgarisch-sprachigen Volksgruppe, die vermutlich im 16./17. Jh. islamisiert wurde. Dichte Haufendörfer und Weiler und mit Orienttabak bepflanzte, die Hänge hinaufziehende terrassierte Felder prägen das Bild ihrer Kulturlandschaft.
Das hügelige Gebirgsvorland ist dicht besiedelt. Hier liegen die Städte Xanthi, Ko-motini und Drama und die für die Entwicklung der Region so wichtigen Industrie-parks; hier verlaufen die Hauptverkehrsadern: die noch zur osmanischen Zeit gebaute einspurige Eisenbahn von Thessaloniki nach Istanbul und die E 90, die derzeit mit EU-Mitteln zur Schnellstraße ausgebaut wird.
An das Gebirgsvorland schließt sich ein Küstentiefland mit Salzwiesen, Tamarisken- gebüschen, Dünen, Lagu-nen und Strandseen entlang der Küste an. Bedeutendste unter ihnen sind die Lagunen von Porto Lagos und der Vistonissee. Sie stellen ein-zigartige Feuchtgebiete dar, wo man Pelikane, Flamingos und den in Europa nur hier vorkommenden Spornkiebitz beobachten kann. Sie sind Teile eines noch nicht end-gültig gesicherten Nationalparkes.

Herzstück der Feuchtgebiete ist das Delta des Nestos, in dem sich Reste der bis zum zweiten Weltkrieg große Teile des Deltas einnehmenden Auewälder erhielten. Mit ihren vielen Lianen wirken sie – insbesondere im Frühjahr, wenn sie vom Gesang tausender Vögel erfüllt sind – tropisch.

In einer spektakulären Schlucht, die man im Spätsommer bei Niedrigwasser im Flussbett gehend durchwandern kann (eine Straße führt nicht durch die Schlucht, ein Fußsteig begleitet sie nur für ein kurzes Stück) durchbricht der Nestos die randlichen Rhodopen, bevor er in das Tiefland eintritt. Er bildet die alte Grenze zu Thrakien. Überquert man ihn heute von Westen kommend, so fällt einem sofort die vollkom-men andere Kulturlandschaft auf. Dichte, von Minaretts überragte Haufendörfer mit Höfen, die von weiß gekalkten Mauern gegen die Straße abgeschlossen sind, Frauen mit Kopftuch und Männer mit Fez sind prägende Elemente der Kulturlandschaft. Hier blieb die muslimische Bevölkerung vom Austausch 1923 ausgeschlossen, erhielt sich – wenn auch durch die Ansiedlung von griechischen Flüchtlingen v.a. aus Ostthra-kien verändert – die für das Osmanische Reiche so charakteristische ethnische Viel-falt Hier begegnen sich sichtbar Orient und Okzident und verleihen der Region ihr spezifisches Kolorit. Die Städte Xanthi und Komotini mit ihrem großen muslimi-schen Bevölkerungsanteil und ihren Moscheen geben einen kleinen Vorgeschmack auf das, was den weiter nach Osten Reisenden in Edirne (Adrianopel) oder gar Istan-bul (Konstantinopel) jenseits der nicht mehr weiten türkischen Grenze an – weit großartigerer – muslimischer Kultur erwartet.

Der Tourismus in der Region ist insgesamt noch gering und konzentriert sich auf die Inseln Thasos und Samothraki. Im Juli und August machen allerdings viele Griechen aus dem Binnenland Ferien am Meer.

Als Ausgangspunkt für eine Reise in den Nordosten Griechenlands bietet sich Kavala an, das man von Deutschland aus anfliegen kann. Man reist am bequemsten mit dem eigenen Auto (Mietauto), kann aber fast alle Ziele auch mit öffentlichen Verkehrs-mitteln, nötigenfalls auch per Taxi, das in Griechenland immer noch sehr billig ist, erreichen. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in allen Städten und den Küstenorten Keramoti, von wo die Fähren zur Insel Thasos gehen, und Fanari bei Porto Lagos. Beide Orte besitzen auch gute Badestrände, die sonst in der Region eher selten sind. In den Restaurants gibt es fangfrische Meeresfrüchte. Insgesamt ist die Küche in Ostmakedonien u. Thrakien noch recht typisch griechisch-balkanisch, das Preisni-veau günstig.

Einführende Lektüre in die Region: H. Jerrentrup und J.Resch: Der Nestos, Leben zwischen Fluß und Meer, Verlag J.Resch (ISBN 3-9801641-2-8).

Einführung in die Landeskunde Griechenlands: C. Lienau: Griechenland – Geographie eines Staates der europäischen Südperipherie, Wiss. Buchges. Darmstadt 1989 (vergriffen, Restexemplare noch für Euro 15,- beim Autor).

 

Cay Lienau, Münster

 

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